Dieser Text ist eine stark abgewandelte und gekürzte Version eines Texts von den Gruppen gegen Kapital und Nation, den ihr hier findet.
Wenn die Nationalmannschaften in einem Turnier gegeneinander antreten und sowohl die Spieler, die Bürger:innen, die Politik und die Werbung die Nationalfarben flächendeckend ausbreiten, dann steht viel mehr auf dem Spiel als die Kunst, den Ball zu treten. Das merkt mensch z. B. daran, dass es nicht darum geht, das Team zu unterstützen, das am besten Fußball spielt (ob Fankult nicht per se eine unvernünftige Sache ist, soll an anderer Stelle diskutiert werden). Die Parteinahme ist national entschieden. Die Fans unterstützen „natürlich“ die Mannschaft des „eigenen“ Landes, als ob es selbstverständlich wäre. Beim Public Viewing wird das Team fleißig angefeuert und die unfair spielenden Gegner werden angefeindet (mensch erinnere sich an den 2024 handnehmenden Spanier Cucurella).
Mit den überall sichtbaren Nationalfarben beziehen sich die Bürger:innen positiv auf den ökonomischen und politischen Zwangszusammenhang: Unternehmen, von deren Kalkulationen sie abhängen; staatliche Institutionen, welche mit Gewalt die Regeln des Zusammenlebens vorschreiben; die Nachbarn und Leute, mit denen mensch sein ganzes Leben nichts zu tun haben wird, werden in der Nation als große Einheit zusammengedacht. Vom Nationalstaat, der diese Konkurrenzgesellschaft gewaltsam einrichtet und betreut, sind die Menschen abhängig gemacht. Sie besetzen aber diese Abhängigkeit von der Nation positiv und drehen das Zuständigkeitsverhältnis um: Sie erkennen nicht, dass der Staat sie für die staatlichen Interessen nutzt. Sondern sind der Auffassung, dass der Staat für sie da sei bzw. zumindest sein sollte. Der Staat sei ihr Mittel & daher wünschen sie sich seinen Erfolg. An Tagen wie diesen anhand der Nationalelf.
Der Patriotismus der Leute hat einen Nutzen für den Nationalstaat: Patriot:innen rackern sich fleißig für die Nation ab, sehen ein, dass sie den Gürtel enger schnallen müssen und sind im Kriegsfall sogar bereit, ihr Leben für das große Ganze aufs Spiel zu setzen. Sie identifizieren sich also mit einer Gesellschaft, die ihnen schadet. Daran denken wahrscheinlich die wenigsten Fußballfans während der WM. Der brutale Inhalt dessen, auf dem die Fußball-Fans gerade ihre große Party knüpfen, ist das schon.
Aber warum ausgerechnet ein Fußballturnier als Feier der Nation?
Wegen der Gegensätze & Konkurrenz im politischen und ökonomischen Leben eignen sich Sportveranstaltungen für solche Demonstrationen der Einheit besonders, da hier das Ereignis selbst keine direkte materielle Auswirkung auf das Leben hat. Vom Erfolg der Elf hängt kein Arbeitsplatz und auch nicht der Krieg in der Ukraine ab. An jedem Gesetz aber, das die Politik beschließt, hat irgendein Anteil der Bevölkerung etwas auszusetzen. Von daher eignet sich z. B. eine Gesundheitsreform nicht, um die deutsche Einheit herauszukehren. Auch eine groß angelegte Entlassungswelle bei VW zeugt nicht von Einheit und gibt keinen Anlass zum gemeinsamen Jubeln.
Nicht zuletzt findet aber die Nation zu ihrer Einheit immer noch am zielsichersten, wenn gegen die Anderen gekämpft werden muss und Geschlossenheit in den eigenen Reihen gefordert ist. Bei der WM treten Repräsentant:innen der Nationen gegeneinander an und mindestens im Geiste fühlt sich da jede:r patriotische:r Bürger:in berufen, die eigene Mannschaft zu unterstützen und dies allen anderen zu zeigen.
Warum ist die WM außenpolitisch so aufgeladen?
Neben der innenpolitischen Bedeutung (Stärkung der nationalen Einheit), ist die WM auch außenpolitisch von großer Bedeutung. Politiker:innen, die ansonsten damit beschäftigt sind, gegeneinander um Handelsbedingungen und politische Einflusssphären zu streiten, fühlen sich genötigt, auf internationalen Sportveranstaltungen aufzutauchen, um die Größe der „eigenen“ Nation darzustellen. Auch wenn keine militärische oder ökonomische Macht vom Erfolg bei der WM abhängt, ist die WM für die Regierenden eine gute Möglichkeit, um Anerkennung von den Konkurrenznationen einzusammeln. Ähnlich wie z. B. durch den Bau eines protzigen Palastes.
Da fiebert die patriotische Bürger:in mit starken Gefühlen mit: In den Formen des Stolzes beim Sieg und und in den Formen der Trauer bzw. des Ärgers bei einer Niederlage (s. Deutschlands „peinliche“ Niederlage gegen Paraguay). Bei all der Identifikation mit der Nation ist einiges als Selbstverständlichkeit unterstellt: Dass Nationen konkurrieren, dass Nationen die Anerkennung anderer Nationen einfordern, dass eine Hierarchie von Über- und Unterordnung vorhanden ist. Wir sehen da keinen Grund zu feiern und mitzufiebern.
Fazit: Nix gegen Fußball, aber alles gegen Patriotismus.