Der Anschlag auf den Berliner CSD vor einem Monat war kein Einzelfall – im Gegenteil: Queere Menschen sind immer wieder Anfeindungen und Gewalttaten ausgesetzt. Insbesondere durch zwei Gruppen: Rechtsradikale und Dschihadisten. Aber woher kommt die Queerfeindschaft?
1. Was Leute an queeren Menschen „stört“ und sie zu Verachtung, Ekel, Hass und Gewalt veranlasst, ist über alle Länder und Glaubensrichtungen hinweg mindestens sehr ähnlich: Ihre Lebensweise sei „unnatürlich“ und/ oder „Sünde“. Unnatürlich, weil zwar Sex, aber keine Kinder. Unnatürlich, weil entweder die angeblich normale Zuordnung zweier sich notwendig ergänzender Geschlechter (Mann: stark und aktiv, Frau: schwach und dienstbar) durcheinander gebracht wird, wenn Männer oder Frauen miteinander leben. Oder weil durch Nicht-Binäre die vermeintlich eindeutige Abgrenzbarkeit der Geschlechter ganz durcheinander gebracht wird.
Oder eben religiös begründet: die moralisch-patriarchale Ordnung sei schon göttlich gewollt. Wenn Menschen sich an der Natur und den religiösen Geboten versündigten, zögen sie daher Zorn und Strafe des oder der Allerhöchsten auf sich.
2. Überzeugungen, wie Leute gefälligst zu leben haben, bleiben selten Privatsache: Queerhasser:innen wollen verhindern a) dass Menschen überhaupt so leben, b) dass mehr Menschen anfangen, die binäre Geschlechterordnung in Zweifel zu ziehen, und darum c) dass die Möglichkeit anderer Lebensentwürfe überhaupt ins Bewusstsein kommt. Dafür steht der CSD und darum werden CSDs seit einigen Jahren verstärkt angegriffen und Kampagnen gegen „Frühsexualisierung“ und „Regenbogen-Ideologie“ gefahren.
3. Die konkreten „Schäden“, die den Queers angelastet werden variieren dabei durchaus: In westlichen Ländern reden die rechten PatriotInnen über den angeblich drohenden „Volkstod“ wegen Kinderlosigkeit und die Schwächung der Nation durch die Schwächung der Männer. Christliche und islamische Fudamentalist:innen sehen LGBTQI* als Ausdruck westlicher Dekadenz und als Bedrohung von Sitte und Moral – z.T. vermuten sie auch einen heimlichen Krieg gegen ihre Religion. Aber warum glauben Leute sowas?
4. Weltweit blicken die meisten Menschen mit einer nationalen Brille auf die Welt und fragen sich ständig, was gut für „ihr“ Land ist. Daraus folgen Ansprüche an die Mitglieder der Nation: Nicht nur an sich denken, sondern immer auch an die Nation. Dafür sollen sie eine Moral haben, mit oder ohne göttlichen Flankenschutz. Bei Problemen wird nicht nach Ursachen gesucht, sondern nach Schuldigen gefahndet. Z. B. Ausländer:innen, „faule“ Arbeitslose oder schädliche Egoist:innen, die nicht an die Gemeinschaft denken. Was das mit Queerfeindschaft zu tun hat? Nichts – und eigentlich alles.
5. Nichts, weil auch mit diesem Quatsch im Kopf niemand auf die Idee kommen muss, LGBTQI* seien eine Gefahr für die Nation. Nichts, weil auch Patriot:innen der Ansicht sein können, dass Queers nützliche Staatsbürger:innen sein könnten. Und eigentlich alles, weil es eben schon ganz schön folgerichtig ist, dass bei der Suche nach Schuldigen nicht nur „Anders“-aussehende, -glaubende, usw. sondern auch „Anders“-liebende und -vögelnde ins Fadenkreuz geraten. Das ist weder notwendig, noch ein Zufall, sondern eine mögliche Konsequenz aus dem „ganz normalen“ Patriotismus.
Der Attentäter war nun aber gerade kein deutscher Patriot, auch kein libanesischer oder syrischer, sondern ein besonders radikaler Islamist. Also ganz anders?
6. Islamismus ist nicht notwendig ein Gegensatz zum ganz „normalen“ Patriotismus. Er setzt zunächst eine Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen voraus: ausbleibender nationaler Erfolg, mangelnde nationale Unabhängigkeit (Muslimbruderschaft in Ägypten ab 1928) oder überhaupt schon mangelnden Erfolg bei der Staatsgründung (Hamas), soziale Missstände (Islamische Revolution im Iran gegen den Schah 1979). All das wurde und wird von Islamist:innen auch und insbesondere als Ausdruck mangelnder – und zugleich Schädigung der eigentlich angebrachten – Religiosität gelesen. Ihre Lösung ist daher folgerichtig Land/Region/Volk durch moralisch-kulturelle Erneuerung wieder auf den „richtigen“ Kurs zu bringen. Darin – und in der daraus resultierenden Ablehnung von jeglichem „Queer-Feminismus“ als gemeinschaftszersetzenden Individualismus – gleichen islamistische Bewegungen den rechten Parteien in Europa, den USA, Israel, Japan und Indien.
Dabei gibt es auch den Übergang, die Nationalstaaten selbst zu verwerfen und als Ausdruck der Spaltung der Muslime zu bekämpfen, wie das namentlich z.B. der IS macht. Dann geht es um mehr, als Staat, Gesellschaft und Wirtschaft nach einer besonders fundamentalistisch-konservativen Lesart des Islam einzurichten. Sondern darum, mit Gewalt die muslimische Gemeinschaft (Umma) politisch zu einigen und sittlich zu reinigen – gegen alle angeblichen Feinde des Islams.
7. Dieses Programm findet auch bei Muslimen in der westlichen Welt Anhänger:innen. Denen erklärt der angebliche „Krieg gegen den Islam“ nicht nur die beschissene Lage ziemlich vieler Menschen in islamischen Ländern. Sondern auch, warum sie selbst in westlichen Ländern auch in der dritten und vierten Generation als „Gemeinschaftsfremde“ ausgegrenzt und diskriminiert werden. Wofür jedes Attentat den westlichen Rechtsradikalen neue Munition liefert.
8. Wie der Attentäter seinen Weg zum Dschihadismus gefunden hat? War es sein Scheitern, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen? Waren es seine Erfahrungen mit dem deutschen Rassismus? Oder die – vermutlich selektiv auf Muslime bezogene –Empörung über das Leiden der Palästinenser:innen, Rohingya, Uiguren usw.? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen ist, dass Queer-feindschaft in dieser Gesellschaft nicht nur als „volksfremder“ Einzelfall vorkommt, der praktischerweise noch einen „guten“ Grund gegen Migrant:innen abgibt.
Die politischen Floskeln vom Angriff auf „uns alle“, „unsere Art zu Leben“ etc. sind deshalb nicht bloß unwahr. Sie bedienen und nähren mit dem Patriotismus auch genau jenes Übel, das die Queerfeindlichkeit hierzulande zwar nicht notwendig, aber doch ziemlich systematisch hervorbringt.