Wir haben das zum Anlass genommen uns damit zu befassen, warum so viele von ihnen nur ungern in die Schule gehen und was das mit der Funktion der Schule im Kapitalismus zu tun hat.
In vielen Bundesländern schließen jetzt oder in den nächsten Wochen die Schulen für die Sommerferien. Sicherlich zur Freude der meisten Schüler:innen. Dass so viele Schüler:innen ungern zur Schule gehen, lässt sich erklären – und zwar über den Zweck und demnach die Organisation der Schule.
Der Staat möchte, dass in der Schule Selektion durch eine Wissensvermittlung stattfindet – auf beides ist der Staat scharf, und beide Zwecke kommen einander ins Gehege. Im Folgenden wollen wir aufzeigen, welche Folgen die Selektion für das Lernen und die Lernenden hat.
Es ist kein Geheimnis, wie die Wissensvermittlung in der Schule funktioniert: Das Lernen findet kaum aus Neigung, Neugier oder Einsicht statt, sondern aufgrund der Festsetzung von Lehrkraft und Lehrplan. Weder Lehrkraft noch Lerngruppe noch Lerngegenstand sind frei wählbar. Es wird nicht gemeinsam ein Problem aufgeworfen, kontinuierlich angegangen und gelöst, sondern im 45- oder 90-Minutentakt das Thema gewechselt. Fragen, die nicht zum vorgesehenen Lernweg passen, Exkurse und Abschweifungen werden nicht gern gesehen. Wer zu schnell oder zu langsam lernt, wird schnell zum Problem für die Lerngruppe und die Lehrkraft. Außer sehr abstrakten Begründungen wird auch nicht damit geworben, dass und wofür das Wissen sinnvoll und nötig ist, sondern die Setzung durchgesetzt.
Beim Lernen geht es nicht primär um das Verstehen (sonst müssten z.B. Klausuren ohne Zeitstress durchgeführt werden), sondern es geht um die Lernleistung, also um die geistige Anstrengung pro Zeit. Damit ein Mensch dreißig anderen seinen Willen aufzwingen kann, hat er das Recht, Leute zu bestrafen und nutzt als wichtigstes Disziplinierungsmittel die Noten – zu denen gleich mehr.
Diese Form des Unterrichts hat Konsequenzen: Mit längerer Verweildauer in der Schule geht die anfängliche Begeisterung fürs Lernen flöten, aus lauter fragelustigen und neugierigen, manchmal auch nervig-neugierigen, kleinen Menschen werden Schüler:innen, die (nur) lernen, was sie müssen.
Was sie lernen müssen, hat für sie mit dem notwendigen Wissen, um einen Sachverhalt zu durchdringen und zu verstehen, kaum zu tun, sondern eben nur damit, ob es dafür eine Note gibt oder nicht. Nur das, was benotet wird, gilt als relevant.
Noten sind das Druckmittel von Lehrkräften, weil über Noten die Auslese organisiert wird: Wer schlechte Noten hat, wird von der weiteren Wissensvermittlung ausgeschlossen, damit wird der Zugang zu bestimmten Jobs verschlossen. Über sie werden die weiteren Lebenschancen verteilt. Chancen heißt schon: Gute Noten heißen nicht automatisch guter Job, sondern nur die Möglichkeit, um einen besser bezahlten, sicheren Job zu konkurrieren. An den Noten entscheidet sich, zu welchen Konkurrenzen mensch zugelassen wird. Kein Wunder, dass dieser Leistungsdruck bei so einigen Schüler:innen psychische Belastungen (Selbstzweifel, Prüfungsangst,…) erzeugt.
Die Ökonomie des Lernens für Noten bringt in der Regel genau das sogenannte „Bulimielernen“ hervor – unzerkaut herunter, unverdaut wieder hinaus. Kurzfristig memorierter Stoff wird reproduziert und anschließend für alle Zeit vergessen. Letztlich liegt es – rein lernökonomisch betrachtet – im Interesse der Schüler:innen möglichst wenig zu lernen, damit sie in den entsprechenden Tests und Klausuren möglichst wenig gefragt werden können und so mit dem geringstmöglichen Arbeitsaufwand gute Noten erzielen können.
Die Zukunftschancen eines Abschlusses mögen je nachdem zumindest ein Interesse an guten Noten verstärken oder gar nicht erst entstehen lassen. Wer nahegelegt bekommt, dass er:sie nicht das Zeug zu diesem oder jenen Abschluss hat, wird das oft genug einfach hinnehmen. Prinzipiell gilt: Ein konstruktives Interesse an (gutem) Unterricht kann von Schüler:innen nicht vorausgesetzt oder erwartet werden.
Fazit: Die Schule leistet eine (Vor)sortierung des Nachwuchses für die Berufshierarchie des Arbeitsmarkts. Das ist nicht nur für das Lernen, sondern auch für die Schüler:innen eine ganz schön schädliche Sache. Wer daran etwas ändern will, sollte nicht für eine reformierte Schule streiten, sondern sich für die Abschaffung der Konkurrenz und der daraus resultierenden Berufshierarchie einsetzen!