Krieg ist schrecklich. Das wissen alle, und kaum jemand findet ihn wirklich gut. Heute wird auch ziemlich offen darüber gesprochen, was Leute erwartet, wenn sie in den Krieg ziehen müssen (außer in den Werbevideos der Bundeswehr). Und das ist brutal. Denn Krieg ist die staatliche Anordnung zum wechselseitigen Abschlachten, Verstümmeln und Gefangennehmen. Das steht ziemlich im Widerspruch zum „Gewaltverzicht“, den das Gewaltmonopol Staat von seinen Bürger:innen sonst erwartet und den die meisten als Ideal des Zusammenlebens teilen. Darum gibt es immer wieder Menschen, die Kriege kritisieren. Häufig bemühen sie sich darum, deutlich zu machen, dass Kriege nicht nur widerlich und schrecklich sind, sondern auch „sinnlos“ seien.
„War! What is it good for? Absolutely nothing“1
Das ist sympathisch: Eine fundamentale und totale Ablehnung des Krieges, die voller Widerwillen gegen die verschleiernde, glorifizierende Rhetorik der Kriegspropaganda ist. Eine Kritik, die empört ist über das brutale und zynische Kalkül der Politiker:innen und Militärs mit ihrem Menschenmaterial.
Eine Erklärung ist der Befund „sinnlos“ aber nicht. Der Frage, was Kriege sind, warum es sie gibt und wer sie in Auftrag gibt, wird sich dadurch geradezu verweigert: „Wie können die Staaten, Herrschenden, Politiker:innen usw. nur?! Das macht doch gar keinen Sinn!“ Entsprechend harmlos ist dann zumeist der Appell an die „Verantwortlichen“, bitte zur Vernunft zu kommen und den Frieden zu wahren.
Schlimmer noch: Allzu leicht lässt sich diese Sorte Kriegsablehnung gegen den jeweiligen Feind wenden, der all diese „unnützen“ Opfer und Schrecken zu verantworten hat. Der Übergang dazu, Partei für die „eigene“ Seite zu ergreifen, liegt dann nahe. Und zwar insbesondere dann, wenn die Überzeugung vorherrscht, eigentlich könne ja niemand Krieg wollen – das eigene Land schon mal gar nicht. Irgendwer muss dann ja dem von dieser Normalität abweichenden Übeltäter das Handwerk legen. Und sich bei dieser „Drecksarbeit“ (Merz) – leider, leider die Hände schmutzig machen. Und schon sind die größten Pazifist:innen Teil der Kriegspropaganda: „the war to end all wars“ (Parole im I. Weltkrieg).
Wer wissen will, wie sich Kriege wirklich verhindern lassen, muss ihre Ursachen und Gründe verstehen. Daraus ergibt sich dann auch, für wen Krieg durchaus „Sinn“ ergibt. Und für wen nicht.
Kriegs„ursachen“, die keine sind – Teil I: „Der Mensch“, an und für sich und überhaupt
Verteidiger:innen wie Gegner:innen des Krieges behaupten häufig, „die Menschennatur“ sei die Ursache des Krieges. Wie immer, wenn gesellschaftliche Verhältnisse aus Natur erklärt werden sollen, haut das nicht hin.
Angeblich sind Menschen von Natur aus böse und aggressiv; schon die Schimpansen sind ganz schlimme Finger, die sich wechselseitig Gewalt antun! Mensch könnte darauf natürlich antworten, dass die Bonobos, die genauso nah mit dem Menschen verwandt sind, sowas nicht machen. Oder dass es für den Großteil der Menschheitsgeschichte keinerlei Nachweise von organisierter Gewaltausübung gibt. Oder dass der wesentliche evolutionäre Vorteil des Homo sapiens Kooperation und nicht etwa Konkurrenz und Massenmord ist. Aber damit würde mensch sich auf den Quatsch einlassen, abstrakt über die „Natur“ des Menschen zu diskutieren. Und das ist selten eine gute Idee, weil dann immer wieder gesellschaftliche Verhältnisse in das Wesen von Menschen projiziert werden, die da gar nicht zu finden sind.
Als Erklärung für Krieg taugt die Menschennatur noch einmal besonders wenig. Sie erklärt nichts von dem, wie und warum Kriege funktionieren. Sie weiß nur, was der Mensch ist: Böse, oder zumindest von Natur aus gewalttätig. Dann stellt sich jedoch die Frage, warum die Menschen sich nicht alle gleich totschlagen, wenn sie sich auf der Straße begegnen. Stattdessen denken sie sich ja erst mal so komplizierte Sachen wie Krieg aus. Nicht erklärt werden kann mit dieser Theorie auch, was mit den ganzen Menschen ist, die ihr Leben lang nie Mord und Totschlag ausüben. Sind die dennoch böse? Komisch auch die Rolle der Politiker:innen. Sind sie aggressiv, wenn sie ihre Soldat:innen in den Krieg schicken oder gönnen sie den Soldat:innen nur mal deren eigenes Aggressionspotential auszuleben? Hier werden die Ziele von Kriegen für irrelevant erklärt. Als „Erklärung“ des Kriegs bleibt dann nur die Bösartigkeit des Menschen.
Für die Kriegspropaganda ist die Vorstellung von der bösen Menschennatur, die nur mühsam durch staatliche Herrschaft gezügelt wird, von unbestreitbarem Nutzen: so fällt es leicht, die Feind:innen allesamt, also den gegnerischen Staat und dessen Volk, für abgrundtief böse zu halten, und ihnen alle möglichen und unmöglichen, wirklichen oder erdichteten Verbrechen nachzusagen. Gegen solche Teufel in Menschengestalt hilft nur Krieg! In dem Kampf gegen das Böse muss die eigene Seite natürlich mit entsprechender Rücksichtslosigkeit – die darum nie und nimmer ein Verbrechen darstellen kann – vorgehen.2 Jedes Innehalten und Nachdenken, was denn die Gründe, Motive und Zwecke der Gegenseite sein könnten, ist dann eigentlich schon eine Verharmlosung und ein Verrat an der eigenen Seite.
Kriegs„ursachen„, die keine sind – Teil II: Männer/„Boys will be boys“
Mittlerweile etwas seltener wird eine andere These vertreten: Es sei zwar nicht die Menschennatur die Ursache des Kriegführens, wohl aber das Wesen eines großen Teils der Menschheit, nämlich der Männer. Schwer zu bestreiten ist sicherlich, dass in den meisten modernen Kriegen die überwiegende Anzahl der aktiv Beteiligten männlichen Geschlechts gewesen sind: Sowohl auf dem Schlachtfeld als auch unter den Feldherren. Auch ist es so, dass es in einer Reihe von (vor)kapitalistischen Gesellschaften als Ausweis der jeweiligen Männlichkeit galt, in den Krieg zu ziehen und Leute zu töten.
Eine Erklärung für Krieg ist das aber nicht, sondern eher etwas erklärungsbedürftiges. Aber auch wenn viele Feldherren in ihrem Verhalten typisch „männliche“ Eigenschaften wie Stärke und Durchsetzungsfähigkeit an den Tag legen und wie z. B. Trump und Putin sexistische Macker sind, lässt sich ihre Politik nicht auf ihren Geschlechtscharakter zurückführen. Ihre Politik ist vielmehr Resultat aus dem politischen Programm, dass sich Staatenlenker:innen setzen: Sie wollen mit ihrer Nation in der Konkurrenz erfolgreich sein. Das Durchsetzen und Stark-sein-wollen, passt zu diesem Interesse. Daher zeigen auch Frauen in denselben Positionen ähnliche Verhaltensweisen.
Auch der Rückschluss, weibliche Menschen seien eher unkriegerisch, ist schlichtweg unzulässig. Denn schon eine ganze Reihe (vor)moderner Kriegsherrinnen – von Kleopatra über Queen Elizabeth I. bis hin zu Indira Gandhi – lassen erhebliche Zweifel daran aufkommen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein einer Gebärmutter und der Friedfertigkeit gibt. Moderne Armeen, in denen mittlerweile Frauen ganz gleichberechtigt das Tötungshandwerk lernen und ausüben und kein bisschen zivilisierter und humaner mit ihren Feind:innen verfahren, haben sicherlich dazu beigetragen, dass diese Sorte Erklärung heute seltener vertreten wird. Marine Le Pen, Giorgia Meloni und Alice Weidel dürften auch Zweifel daran wecken, dass Frauen grundsätzlich friedfertigere und freundlichere Menschenwesen sind.
Übrigens ist das am Ende auch nur die traditionelle Lesart des weiblichen Geschlechtscharakters als passives, fürsorgliches, einfühlsames und friedliebendes Gegenüber. Das sei fürs „Leben spenden“ (= Gebären) zuständig und somit die gelungene und notwendige Ergänzung zum männlichen Geschlechtscharakter.
Und auch diese scheinbar so kritische Sichtweise auf den Krieg ist sehr nützlich, um Stimmung für ihn zu machen: Dass „Frauen und Kinder“ beschützt werden müssen gegen die bösen Feinde – hier sparen wir uns das Gendern aus guten Gründen – geht dann ja klar. Gegen böse Soldaten helfen eben nur gute Soldaten, heutzutage aber auch gute Soldat:innen.
Eine Erklärung dafür, warum es in allen militärischen Konflikten mit brutaler Regelmäßigkeit zu sexualisierter Gewalt gegen Zivilist:innen kommt, sind diese ganzen Theorien übrigens nicht. Grundlage der Gewaltausübung ist die Gleichsetzung von Herrschaft und Volk. Daher geht der Kampf gegen den feindlichen Staat eben auch gegen das feindliche Volk. Wer sich den Sexismus und Patriotismus der Soldat:innen genauer anschaut, kann dann ganz gut erklären, warum die Feind:innen nicht nur umgebracht, gefoltert und gedemütigt, sondern auch vergewaltigt werden. Wenn der Einsatz sexualisierter Gewalt nicht sogar Teil der Militärstrategie ist.
Kriegs„ursachen“, die keine sind – Teil III: Offiziere und die Rüstungsindustrie
Regelmäßig taucht auch der „militärisch-industrielle Komplex“ als Erklärung auf. Dieser lasse den Staat Kriege anzetteln, damit die Kriegsindustrie Profite macht und die Offiziere ihre gut bezahlten Jobs behalten. Zwar ist unbestreitbar, dass die Rüstungsindustrie milliardenschwer ist und dass ein Krieg und die Vorbereitung darauf das Geschäft noch mal ganz anders ankurbeln als irgendwelche Manöver und der übliche Verschleiß. Auch dass hohe Militärs meist ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu denjenigen haben, die ihnen das ganze schöne Tötungswerkzeug herstellen und ihrer Regierung verkaufen, soll gar nicht bestritten sein. Auch nicht, dass Militärs nach dem Ende ihrer Dienstzeit oft lukrative Beratungsjob in ebenjener Industrie übernehmen.
Aber: Ohne das staatliche Interesse am Militär gäbe es dieses nicht. Das Militär und die Rüstungsindustrie sind Mittel der Staatsführung, nicht umgekehrt. Der Staat kauft Kriegsmaterial, wenn er es braucht. Klar hat die Rüstungsindustrie ihre Lobby, die auch versucht, die Politik zu beeinflussen. Aber schon das Wort „Einfluss“ zeigt: Beschlossen wird woanders. Lobbyist:innen müssten ja gar keinen Einfluss auf die Politik nehmen, wenn sie eh schon das Sagen hätten. Dass im Kapitalismus nicht immer nur überall Marktgesetze herrschen, sondern es da auch (zum Teil illegale) Absprachen und Korruption gibt, stimmt. Insbesondere bei so besonderen Waren, wie dem Kriegsgerät: Das darf eben nicht einfach jede:r auf dem Markt kaufen, sondern nur der eigene Staat oder andere Staaten kommen als Käufer infrage – und letztere übrigens auch nur mit Erlaubnis des eigenen Staats. Die Besonderheit des Kriegsgeräts als Ware kann auch dazu führen, dass Staaten Waffen aus inländischer Produktion kaufen, obwohl es bessere oder billigere ausländische Angebote gibt. Sie wollen eben ihre heimische Tötungsgeräteproduktion unterstützen, um sie langfristig für den Fall im Land zu halten, dass es Schwierigkeiten gibt, das nötige Kriegsgerät im Ausland zu bekommen.
Die Theorie des „militärisch-industriellen Komplex“ ist mal von einem US-Präsidenten (Dwight D. Eisenhower) entworfen worden. Er sah sie als selbstkritische Warnung an seine Nachfolger:innen, die Politik nicht davon abhängig zu machen, was ihre Instrumente – Militär und Rüstungsindustrie – gerne hätten. In der heutigen Zeit spielt sie für die Kriegspropaganda immer noch eine große Rolle: die andere Seite hat natürlich jede Menge korrupte und skrupellose Politiker:innen, machthungrige Militärs und gierige Oligarchen, die gewissenlos ihr Land in den Krieg stürzen. Auf der eigenen Seite gibt es glücklicherweise verantwortungsvolle Staatsleute, besonnene Militärs und patriotische Unternehmer:innen, die schweren Herzens das nötige „Verteidigungs“gerät herstellen, ordern und anwenden (und von dem es angesichts der abgrundtiefen Böswilligkeit des Feindes gar nicht genug geben kann).
Was nun? Was tun!
So oder so: Wer Krieg verhindern will, muss sich Klarheit verschaffen, woher Kriege kommen und wofür sie geführt werden. Das haben wir in zwei anderen Texten versucht: „Etwas Besseres als den herrschenden Frieden finden wir allemal“: dort erklären wir, wann und warum Staaten Kriege führen. Im Text „Was hat Krieg mit Kapitalismus zu tun“ erklären wir, warum im Wirtschaftssystem selbst anlegt ist, dass Staaten Krieg führen.
Uns geht es darum, Kriege zu verhindern. Dafür müssen die, die das Menschenmaterial des Kriegs darstellen, sich den Kriegen verweigern.3 Wer hingegen den herrschenden Frieden mit seinen gegensätzlichen Interessen für irgendwie in Ordnung hält und sich nur an der kriegerischen Austragung dieser Interessenkonflikte stört, leistet keinen Beitrag dazu, Kriege abzuschaffen. Auch die Forderung an die ganzen zähnefletschenden, hochgerüsteten Gewaltmonopole, sich doch mal international zu verständigen und das mit der Gewalt sein zu lassen, hat etwas Tragisches oder Komisches.
Dieser Appell beinhaltet meist die Vorstellung, dass der Frieden mit ein bisschen guten Willen eine schöne Sache sein könnte und auch gar keinen Krieg benötige. Und das ist leider nicht wahr.
1https://www.youtube.com/watch?v=ztZI2aLQ9Sw&list=RDztZI2aLQ9Sw&start_radio=1
2Dabei fällt auch der Widerspruch nicht auf, dass die eigene Seite ja trotz „böser Menschennatur“ angeblich „gut“ sei.
3Warum das in Deutschland gar nicht so einfach ist wie viele Denken, könnt ihr in unserem Text zum Recht auf Kriegsdienstverweigerung nachlesen.