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Patriotismus – versteht sich doch von selbst?

Patriot:innen sind in der Regel davon überzeugt, es gäbe deswegen viele verschiedene Völker in der Welt, weil jedes Volk qua Natur ein ganz spezifischer Menschenschlag, eine vorstaatliche Gemeinschaft sei. Die Gemeinsamkeiten, die das belegen sollen (Sprache, Kultur, Religion, Mentalität, Gebräuche usw.) werden dabei einer ideologisch-interessierten Betrachtung unterzogen: Aus wandelbaren gesellschaftlichen Verhaltensweisen werden so natürliche Wesenseigenschaften der Volksangehörigen gemacht. Die echte oder vermeintliche Einheitlichkeit von z. B. Sprache und bestimmten Bräuchen auf einem bestimmten Territorium soll dann einen guten Grund dafür abgeben, dass die dort lebenden Menschen gemeinsame Interessen hätten, denen durch den eigenen Nationalstaat dann Rechnung getragen werde.

Das ist aus mehreren Gründen falsch: Erstens, weil die realen Vereinheitlichungen von Kultur, Sprache etc. eben nicht einfach „natürlich“ entstanden sind, sondern als direktes Produkt von (nationalstaatlichen und früheren) Gewaltverhältnissen. Zweitens, weil die Eigenschaften, die den gemeinsamen „Volkscharakter“ begründen sollen, für sich genommen gar keine Argumente dafür sind, mit anderen Leuten zusammen Gesellschaft zu machen. Insbesondere dann, wenn man ansonsten in ziemlich harte Interessensgegensätze zu ihnen gestellt ist. So verschwindet der Gegensatz zwischen Arbeitgeber:in und Arbeitnehmer:in beispielsweise nicht, nur weil die Arbeitgeber:in dieselbe Sprache wie die Arbeitnehmer:in spricht, wenn sie dieser Überstunden reindrückt, oder eine Gehaltserhöhung verweigert.

Die vermeintlichen Eigenschaften des Volkes sind also eher Bebilderungen des realen staatlichen Zwangszusammenhangs. Entsprechend bunt wird es denn auch, wenn ein Patriot mal erklären soll, was denn die „Schicksalsgemeinschaft“ so ausmachen soll: „Unsere Kultur, unsere Kinder – Goethe, Schiller, Eichendorff, Wagner –, Potsdam, Dresden, München, der Rheingau, die Schwäbische Alb, die Alpen, unsere Wälder und Seen, das deutsche Essen, die Nordsee, die Größe, die Tragik, das Immer-wieder-aufstehen-Können“ (Rüdiger Lucassen, AfD, 5.12.25 im Bundestag). Aus diesem wirr-absurden Kuddelmuddel kann sich jede:r aussuchen, was „Deutschland“ ausmachen soll. Was nicht auftaucht: die real existierende Vielfalt und die vielen Gegensätze in dieser Gesellschaft.

Daneben gibt es aber auch Patriot:innen, die in bestimmten „Werten“ bzw. der Zustimmung dazu, das eigentliche Fundament des Vaterlandes und der Liebe zu ihm sehen. „Das Deutschland, das wir voranbringen wollen, ist im Übrigen ein Land, in dem Deutschsein nicht völkisch bemessen wird, sondern nach den Prinzipien unserer Verfassung.“ (Helge Lindh, 18.09.2025 im Bundestag) Ob Deutschland überhaupt „vorangebracht“ werden soll, steht also schon mal nicht zur Debatte. Ebenso klar ist für den SPD-Mann, dass das „Deutschsein“ eine so feine Sache ist, dass es „bemessen“ wird. Von wem? Vom Staat, nach den Prinzipien seiner Verfassung! Nicht aus einer inneren Natur soll das Volk Volk sein. Sondern aufgrund einer gemeinsamen Wertschätzung der Spielregeln des deutschen Staates. Dieser Verfassungspatriotismus sieht darüber hinweg, dass sich die Menschen diese Regeln ja gar nicht aussuchen können, sondern diese durch den Staat festgelegt sind, unabhängig davon, was die einzelne Person davon hält.

Aber warum werden so viele Menschen Patriot:innen und identifizieren sich mit dem Staat und dessen Volk? Die Grundlage des Patriotismus liegt in der Abhängigkeit der Bürger:innen vom Staat. So erscheint der Staat dauernd als der Akteur, der für einen da ist. Immerhin garantiert er das (eigene) Eigentum, springt bei Not mit dem Sozialstaat ein oder ist mit seinen Gerichten die Ansprechperson bei Konflikten.
Die vom Staat durchgesetzten Rahmenbedingungen führen also dazu, dass die Menschen in seinem Gemeinwesen ständig auf den Staat angewiesen sind. Doch an diesem Punkt darf mensch nicht die geistige Verwechslung machen, der Staat sei deshalb für die eigenen Interessen da. Im Gegenteil: Der Staat ist es, der einem diese Scheiße erst einbrockt. Er richtet den Kapitalismus ein und sorgt damit für die ganzen (Not)lagen, in der die Menschen vom Staat abhängig sind.

So wollen Patriot:innen das aber gerade nicht sehen, sondern denken, der Staat vertrete die Interessen des Volkes und ein Volksangehöriger sei da am besten aufgehoben, wo er im „eigenen“ Staat lebt, also von Leuten regiert wird und mit Leuten zusammenlebt, die dem „eigenen“ Volk angehören und darum zusammen eine mehr oder minder harmonische (Volks-)Gemeinschaft bilden.

Wenn es im Krieg dann hart auf hart kommt, sollen die Menschen, die zufällig in einem bestimmten Land geboren wurden, und vom Staat als Bürger:in in Beschlag genommen und beansprucht werden, diesen dann auch noch bis aufs Messer zu verteidigen. Absurd…