„… und das Liebste mag’s uns scheinen“ – echt mal jetzt?
Bodo Ramelow, Ex-Ministerpräsident von Thüringen, Bundestagsvize für die Linke weiß, was Deutschland braucht: Ein „Gemeinschaftsgefühl“, “ eine Klammer in der Gesellschaft“, und damit es richtig klammert, nicht nur ein Pflichtjahr zu dem alle (Jugendlichen) hin müssen, sondern auch eine Fahne, mit der niemand „fremdelt“ und eine Hymne, „die wir alle zusammen mit Freude singen könnten“ (alle Zitate von Ramelow aus dem Interview „Ein Christ muss Sozialist sein“, 29.08.2025, Rheinische Post).
Als guter Demokrat will er Flagge und Hymne zur Abstimmung stellen, damit auch alle per Mehrheitsbeschluss darauf verpflichtet werden, diese nationalen Symbole in Zukunft ganz als die ihren zu akzeptieren. Konkret schwebt ihm die ‚Kinderhymne‘ von Brecht vor.
Nun lässt sich über die gültige deutsche Nationalhymne (von der nur die dritte Strophe gesungen wird) sagen, was sich über all diese Gesänge sagen lässt: Im besten Fall eine selbstbesoffene Feier der Zwangsgemeinschaftlichkeit einer von Konkurrenz und Gegensätzen geprägten Gesellschaft und der angeblich guten Eigenschaften ihrer Mitglieder – häufig ergänzt um eine direkte oder indirekte Feindschaftserklärung und Kriegsansage an den Rest der Welt.
Da klingt Brechts Kinderhmyne (BBGW 10, 977/978) tatsächlich etwas anders, freundlicher und scheinbar reflektierter: Nur wie ein „anderes gutes Land“ soll Deutschland blühen – „nicht über und nicht unter “ anderen „Völkern“, und eben nicht „über alles in der Welt“(1.Strophe Deutschlandlied). Nicht „vom Etsch bis an den Belt“ (1.Strophe Deutschlandlied) sondern „von der See bis an die Alpen / von der Oder bis zum Rhein“.
Statt der Anpreisung von deutschem Wein, deutscher Treue, deutschen Frauen und deutschem Sang (2. Strophe Deutschlandlied) die Mahnung,besser nicht so rumzuwüten, „dass die Völker nicht erbleichen / wie vor eine Räuberin“. Aber doch schon: „Und das Liebste mag’s uns scheinen/ so wie anderen Völkern ihrs“.
Hymne bleibt eben Hymne, egal ob für Kinder oder für Kindsköpfe, egal ob sie großmäulig die eigene Nation abfeiert, oder etwas kleinlaut um Anerkennung bettelt.
Und das hätte Brecht als Kommunist ja eigentlich wissen können: Dass „Völker“ als Zwangskollektive nicht gefeiert, sondern abgeschafft gehören. Und das es ziemlich bescheuert ist, das Land, in dem mensch zufällig geboren ist oder von dem mensch absichtlich den Pass erworben hat, deswegen zu lieben, anstatt es als zu sehen, was es ist: Das Gebiet, auf das ein Staat mitsamt den darauf lebenden Menschen Anspruch erhebt für seine unerfreulichen Zwecke.
Und an anderer Stelle hat er es auch etwas (!) besser gewusst in seinen Flüchtlingsgesprächen z.B.: „Die Vaterlandsliebe wird schon dadurch beeinträchtigt, daß man überhaupt keine richtige Auswahl hat. Das ist so, als wenn man die lieben soll, die man heiratet, und nicht die heiratet, die man liebt.“ (Flüchtlingsgespräche, BBGW 14, 1452). Über den Nationalismus sagte er : „Aber darum muss man die Dummheit ja ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen“ (Vaterlandsliebe, der Haß gegen Vaterländer. In: Geschichten vom Hr. Keuner, BBGW 12, 378).
Nur: eine richtige Kritik, was eine Nation ist, was ihr Anspruch und ihre Zwecke sind, was es heißt, wenn sie Land und Leute in Beschlag nimmt – das hat Brecht eben nie hingekriegt. Sondern als guter Leninist geglaubt: „Reden erst die Völker selber/werden sie schnell einig sein „(Solidaritätslied, BBGW 8, 369/370).
Ausgerechnet die staatlich hergestellten Zwangskollektive zum revolutionären Subjekt zu erklären – das ist ein Fehler, der sich durch die ganze linke Geschichte zieht. Mit immer wieder dummen Konsequenzen. Ein „Linker“ wie Ramelow ist nur eine davon. Seine linken Kritiker*innen, die ihm „nationalistisches Gedöns“ (O-Ton Ramelow) vorwerfen, sind aber auch nicht viel besser.
Denn Nationalismus ist eben kein Gedöns, sondern eine Ideologie des aktiven Mitmachens und Zustimmens. Und darum sind ihre Symbole auch nicht harmlos, und auch nichts gewonnen, wenn sie „fortschrittlicher“, „linker“ oder „kritischer“ dafür werben, die Sortierung in Völker für normal und das „eigene“ Vaterland für gut oder gar das Beste zu halten. Von so einer Kritik ist die Partei Die Linke aber meilenweit entfernt.