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F wie Freiheit

„Freiheit ist das einzige was zählt”

Freiheit wird allgemein hoch geschätzt. In Formulierungen wie „Freiheit ist das einzige was zählt“ (Marius Mueller Westernhagen), „Give me liberty or give me death!“ (Parole im US Unabhängigkeitskrieg) oder „lieber aufrecht sterben, als auf Knien leben.“ (Albert Camus) zeigt sich eine große Hochachtung – bis hin dazu, dass das ganze Menschsein an der Freiheit hängen soll. Von den Anarchist:innen über die Demokrat:innen bis hin zu den Faschist:innen sind darum alle voll dafür. Und selbst Marx, der an wenigen Dingen ein gutes Haar ließ, sprach vom Kommunismus als „Verein freier Menschen“. Wie immer, wenn alle für etwas sind, sind Zweifel angebracht, ob alle das gleiche meinen. Also was genau bedeutet „Freiheit” heutzutage?

a) Wenn Leute von „Freiheit“ reden, meinen sie damit zumeist, dass ihnen niemand vorschreiben soll, was sie denken, glauben, meinen und reden sollen, wie sie leben, wen sie lieben sollen. Das sollten eigentlich Selbstverständlichkeiten sein; wenn Staaten sich dafür feiern, dass sie diese garantieren, wirft das eine Menge Fragen auf.

b) Jenseits dessen, wozu bestimmte Staaten ihren Bürger:innen Freiheiten gewähren (und andere Staaten das nicht tun), machen viele Leute einige Denkfehler. Zum einen setzen sie ihr Recht, ihren persönlichen Kram so zu machen, wie sie das möchten, mit der realen Möglichkeit gleich, das auch zu tun. Das denken sie, weil sie sich selbst für die Schmiede ihres Glücks halten – also, dass die Verwirklichung ihrer Freiheit an ihnen selbst liegt. Zum zweiten halten sie die ihnen gewährte Freiheit für das glatte Gegenteil von Herrschaft, und sie ignorieren, dass bürgerliche Freiheit vor allem heißt, sich ganz selbstbestimmt an lauter herrschaftlich eingerichtete Konkurrenzen (um Noten, Arbeitsplätze, Wohnungen, usw.) zu beteiligen. Und wer sich ganz freiheitlich diesen Konkurrenzen entziehen möchte, der kann das entweder gar nicht tun (Schule) oder braucht dafür enorme finanzielle Mittel. Zum dritten sind viele Menschen der Ansicht, dass Freiheit die Berechtigung dazu ist, sich argument- und rücksichtslos, ja schädlich anderen gegenüber zu verhalten. So verwechseln sie z. B. ihr Recht darauf, zu sagen, was ihnen so durch den Kopf geht, mit der Berechtigung kritiklos Blödsinn und Beleidigungen sagen zu dürfen oder Argumente einfach zu ignorieren.

c) So nachvollziehbar der Wunsch ist, sich nicht in Fragen der eigenen Lebensführung von Staat, Kirchen, Parteien usw. reinreden zu lassen, stößt eine solche Selbstbestimmung aber auf eine Grenze: Wer nur über sich selbst bestimmt, und über sonst nichts, muss sich anderen unterordnen, die über die Mittel zum Leben verfügen. Das meint Marx mit der doppelten Freiheit der Lohnarbeiter:innen. Sie sind frei über sich selbst zu bestimmen, also keine Sklaven oder Leibeigenen. Und frei von allem, was sie zum Leben brauchen. Und darum gezwungen sind, ganz selbstbestimmt ihre Arbeitskraft zu verkaufen an jemanden, der sie dann in seinem Interesse gewinnbringend anwenden kann. Komischerweise fällt vielen ihrer Fans, gar nicht auf, wie sehr Freiheit durch Eigentumslosigkeit beschränkt wird und welche Zwänge das mit sich bringt; oft wird Freiheit von vornherein auf die Freizeit beschränkt. Aber es gibt auch genügend Menschen, die tatsächlich sogar im Arbeitsleben die Verwirklichung ihrer Freiheit sehen.

d) Gesellschaften, in denen diese Sorte Freiheit herrscht, beinhalten darum lauter Interessengegensätze (hohe Löhne vs. hohe Gewinne; viele Arbeitsplätze vs. niedrige Kosten für das Unternehmen, niedrige Mieten vs. hohe Renditen). Während für einige „Freiheit“ dann heißt, rücksichtslos die eigenen Interessen durchsetzen zu können (Rechtslibertäre), rufen die meisten Leute nach dem Staat. Der soll die Interessengegensätze nicht etwa abschaffen, sondern Gesetze machen, die das Verfolgen von Interessen beschränkt. Wofür dann ein ganzer Herrschafts- und Kontrollapparat nötig ist, der die Freiheit sichert, indem er sie begrenzt. Die Moral soll dafür sorgen, dass die Leute sich an die Regeln halten, auch wenn sie gerade keine:r kontrollieren kann. Wie das am besten ins Werk gesetzt wird, und wie verbindlich die Regeln für wen durchzusetzen sind, darüber streiten sich dann Liberale, Konservative und Sozialdemokrat:innen.

e) Viele würden vermutlich der Definition „Freiheit ist das Recht alles zu tun, was anderen nicht schadet“ (Matthias Claudius) zustimmen. Das trifft die Sache aber nicht. Stattdessen ist moderne, bürgerliche Freiheit das Recht und häufig sogar die Notwendigkeit, anderen zu schaden, soweit es die Gesetze zulassen. Denn die Konkurrenzen, in denen sich die Leute bewähren müssen, zwingen dazu, den eigenen Nutzen zu mehren und andere auszustechen, zu verdrängen und sie zu verarmen. Um den eigenen Nutzen zu realisieren, muss anderen geschadet werden.

f) Sind Eigentum und Herrschaft erstmal notwendig für die Freiheit akzeptiert, stellt sich schnell die Frage, wie viel Freiheit der Staat haben soll. Nach innen, um die schädliche Benutzung der Freiheit zu beschränken. Nach außen, um die Interessen seiner Gesellschaft gegen andere Staaten durchzusetzen. Für die größtmögliche Freiheit des Staates gegenüber seinen Bürger:innen und anderen Staaten treten dann die Faschist:innen ein, die sich daran auch von der Freiheit anderer nicht beschränken lassen und den Dienst aller am Volk und Vaterland als die eigentliche Freiheit entdecken.

g) Dass die bürgerliche Freiheit eigentlich auf Unterdrückung und Not hinausläuft, haben viele Sozialist:innen schon erkannt. Daraus haben aber insbesondere die Leninist:innen dann den komischen Schluss gezogen, individuelle Selbstbestimmung sei „bürgerlich“ oder gar „kleinbürgerlich“, und haben dem bürgerlichen Individualismus eine kollektivistische sozialistische Moral mit ganz viel Selbstaufopferung und Geboten entgegengesetzt.

Fazit: Wenn Marx vom Verein freier Menschen spricht, meint er etwas geradezu entgegengesetztes zur bürgerlichen Freiheit. Nämlich eine Gesellschaft, die auf vernünftiger Kooperation beruht, weil die Menschen den gleichen und gemeinsamen Zweck verfolgen, ein gutes Leben zu führen. Freiheit als größtmöglicher Spielraum des Einzelnen in Bezug auf das eigene Leben ist dabei das Ziel – und dafür ist Freiheit als Lizenz zur wechselseitigen Rücksichtslosigkeit als Prinzip des Zusammenlebens und -wirtschaftens total untauglich.