Hinweis: die Gedanken sind überwiegend aus der Broschüre „Care Arbeit im Kapitalismus“ von der Gruppe Riff entnommen. Dort wird einiges mehr und besser erklärt als uns dies in diesem kurzen Text möglich ist. Auf der Webseite findet ihr die Broschüre.
1) Die meisten Menschen sind der Überzeugung, dass sich die Menschheit in ‚Männer‘ und ‚Frauen‘ aufteile. In der Regel ist die Einteilung mit der Vorstellung verbunden, dass die jeweilige Gruppe bestimmte Eigenschaften habe. Für als Frauen einsortierte Personen gelten dabei Zuschreibungen wie Empathie, für Andere da sein, sich selbst zurücknehmen, schön sein, etc. Bei Vorstellungen von Männlichkeit sind die Ideale eher an Stärke, Autonomie, Härte, Vernunft etc. geknüpft. Diese Zuschreibungen sind dabei nie harmlos, sondern immer auch Ansprüche: „Sei so!“ Über Geschlecht werden diese Ansprüche essentialisiert, also ins Wesen der Person verlagert und zu ihrer vermeintlichen Natur erklärt.
Viele Menschen nehmen ihre geschlechtliche Sortierung und die daran anknüpfenden Rollen an, machen sie zu ihrer Identität und finden Gründe dafür, warum es damit auch seine Richtigkeit habe. Dafür bietet die geschlechtliche Sozialisierung die Grundlage: Menschen werden für ihre Konformität mit den geschlechtlichen Erwartungen an den richtigen Stellen vom Umfeld belohnt und bei Non-Konformität sanktioniert.
2) Die geschlechtliche Sortierung wird in der Regel mit biologischen Merkmalen begründet. Körperliche Unterschiede von Menschen (Genitalien, Gebär- oder Zeugungsfähigkeit, Hormone) werden herangezogen, um darüber die Einteilung zu begründen. Während es körperliche Unterschiede zwischen Menschen durchaus gibt, etwa die meisten entweder eine Vulva und Gebärmutter oder einen Penis haben, existieren viel mehr Variationen als diese beiden. Auch gibt es rein auf der biologischen Ebene keine klaren Gruppen, in denen alle Merkmale wie Hormone, Genitalien und Chromosomen gleich sind. Aber was genau soll eine körperliche Eigenschaft oder die Unterscheidung nach körperlichen Gegebenheiten für Menschen überhaupt bedeuten? Vernünftigerweise würden körperliche Eigenschaften für eine Gesellschaft nur bedürfnisbezogen eine Rolle spielen: Da viele Menschen regelmäßig menstruieren, braucht es etwa die Produktion von Tampons; für Personen mit viel Brustgewebe oder Prostata braucht es Möglichkeiten zur regelmäßigen Krebsvorsorge, usw.
Auch folgt ein dermaßen ausgefeiltes Geschlechterverhältnis nicht einfach direkt aus der Biologie.
Sonst würde diese ‚Natur‘ doch nicht beständig bearbeitet und hergestellt werden (z.B. durch Rasieren, Schminken, Muskeln aufbauen etc.). Vielmehr wird eine vermeintliche Natur herangezogen, um ein gesellschaftliches Verhältnis zu legitimieren und als unhintergehbar darzustellen. Nach dem Motto: Die existierende Gesellschaft und ihre Ansprüche seien natürlich so erstanden. Daher sei es doch nur natürlich, diesen Ansprüchen gerecht zu werden.
3) Die klassischen Geschlechterrollen verweisen Menschen auf eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Das wird daran deutlich, wie gut sie zu den beiden Sphären (Produktion und Reproduktion) und ihren Ansprüchen passen. In der Produktionssphäre lassen Unternehmen Lohnabhängige für den Profit lang und intensiv arbeiten. In der Reproduktionssphäre (Freizeit) erholen sich die Lohnabhängigen von der Lohnarbeit und machen sich für diese wieder fit. Ausgehend davon, dass Individuen – als Mann oder Frau sortiert – bestimmte charakteristische Eigenschaften abverlangt und darüber bestimmte Aufgaben und Tätigkeiten nahegelegt werden, können diese bestens auf eine der beiden Sphären verwiesen werden:
Die Ansprüche an den Mann – dieser solle aktiv und stark sein – passen zu den Anforderungen in der Produktionssphäre (sich in der Konkurrenz durchsetzen und hart arbeiten). Die Frau wird als emotional, kümmernd, empathisch, passiv und sich selbst zurücknehmend auf das Dasein für Andere (klassischerweise Ehemann und Kinder) in die Reproduktionssphäre verwiesen. Die Frau hat somit die Aufgabe, den Mann wieder fit für die Lohnarbeit zu machen, indem sie als Reproduktionsgehilfin nach der Arbeit für ihn sorgen, für ihn schön sein und ihm auch sexuell zur Verfügung stehen soll. Diese (Besitz- & Dienstbarkeits)Ansprüche vom Mann an die Frau sind die Grundlage allerhand sexistischer Übergriffe.
Im Verhältnis der Vorstellungen über Mann und Frau wird auch eine Hierarchie deutlich: Die Frau soll als Kompensation für den Mann nach den Härten der Lohnarbeit da sein. Diese Hierarchie ist dabei analog zum Verhältnis der Reproduktions- zur Produktionssphäre: Die Reproduktionssphäre ist im Kapitalismus der Produktionssphäre untergeordnet. In der Freizeit muss sich für die Lohnarbeit reproduziert werden. Es muss sich erholt werden, um Geld verdienen zu können. Ohne Geld geht im Kapitalismus nämlich gar nichts.
4) Das modernisierte Ideal von Frauen beinhaltet, dass diese sich auch als Lohnarbeiterinnen verwertbar für die Unternehmen machen und die dafür passenden Eigenschaften an sich ausbilden sollen: Sie sollen auch stark, durchsetzungsfähig sein und Karriere anstreben – ganz gemäß den Anforderungen der Unternehmen und der Konkurrenz. Sie gelten sogar für bestimmte Anforderungen im Beruf als besonders geeignet. Dies reicht von vermeintlichen weiblichen Führungsqualitäten bis hin zur schon immer unterstellten besseren Eignung für den Care-Bereich.
Aber: Die Erwerbstätigkeit von Frauen hat kaum etwas an dem Anspruch geändert, dass sie zugleich immer noch für die Reproduktionsarbeit zuständig und Mütter zu sein haben. Es kommt lediglich eine weitere Anforderung hinzu und so entsteht die sogenannte Doppelbelastung.
Das in der Gesellschaft durchgesetzte Männerbild hat übrigens nur eine leichte Modernisierung erfahren, sodass es als besonders applauswürdig gilt, wenn Männer ebenfalls Care-Arbeiten übernehmen.
Fazit: Die Ansprüche, die sich aus den Sphären ergeben, werden den Menschen über Geschlecht in ihr Wesen verlagert. Damit fungiert Geschlecht als Mittel, durch das Menschen ganz aus sich selbst heraus den Ansprüchen und den Rollen in der Produktions- und Reproduktionssphäre freiwillig nachkommen. Das Geschlechterverhältnis passt also gut zur vom Staat eingerichteten kapitalistischen Produktionsweise. Da das alles schädlich ist, nicht nur, aber besonders für Frauen*, sind wir sehr dafür, es uns vom Hals zu schaffen.