In der ZEIT vom 17.10.2025 ist ein Artikel, der aufzeigt, dass in Deutschland immer mehr Leute an Depression erkranken – davon verhältnismäßig viele mit niedrigen Bildungsabschlüssen und wenig Geld. Auch wenn das ein guter Aufhänger wäre, um den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und psychischem Leid zu untersuchen, wollen wir uns heute auf einen Satz des Artikels konzentrieren:
„Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen erleben sich zum Beispiel als weniger selbstwirksam, sie glauben weniger daran, ihr Leben […] beeinflussen zu können.“
Was ist mit „beeinflussen“ gemeint?
Zwei Interpretationen:
Die Erste, der wir zustimmen:
Das Wort „beeinflussen“ könnte meinen, dass die Leute mit ihrem Handeln einen Einfluss auf ihren Erfolg in der Konkurrenz nehmen können. Sie können sich anstrengen und haben dann eine höhere Chance auf Erfolg. Wenn sie sich nicht anstrengen, ist klar, dass sie scheitern. Ihre eigene Anstrengung ist also die Voraussetzung für den Erfolg.
Die Interpretation, die vermutlich gemeint ist:
Leute, die von „Selbstwirksamkeit“ faseln, haben häufig die Vorstellung, dass jede*r seines Glückes Schmied sei. Das ist Quatsch und lässt sich bei jedem Bewerbungsgespräch feststellen. Die Unternehmen entscheiden nach ihren Kalkulationen, ob und wen sie einstellen. Der Artikel in der ZEIT erkennt zwar an, dass der eigene Erfolg nur bedingt beeinflusst werden kann. Und doch gibt es da diese Vorstellung der eigenen Selbstwirksamkeit und die Sorge um geringes Selbstwirksamkeits-empfinden armer Menschen.
Nun: In dieser Gesellschaft darf mensch sich eigene Lebensziele setzen, selbst überlegen, wie der Lebensweg aussehen soll. Menschen werden nicht per Befehl oder Geburt zu einem Beruf gezwungen. Alle dürfen und sollen sich um sich selbst kümmern – mit den Mitteln, die sie haben.
Für die große Mehrheit bedeutet das, dass sie sich um einen Arbeitsplatz bemühen müssen. Sie müssen dafür sich selbst zum Mittel machen, indem sie sich für die Konkurrenz um die Arbeitsplätze fit machen und fit halten: Sie bemühen sich um Zertifikate, einen lückenlosen Lebenslauf usw. Das müssen sie, da sie sonst scheitern.
Viele machen dann aber den – naheliegenden, aber verkehrten – geistigen Übergang, sie seien selbst das entscheidende Mittel ihres Erfolgs. Das erzeugt in ihnen die Illusion, sie hätten ihren Erfolg selbst in der Hand. Mit der Überzeugung, dass “jeder seines Glückes Schmied” sei, wird dann der (Miss-)Erfolg zum Urteil über die Person: Selbstwirksamer Gewinnertyp oder Loser. Dieses Urteil beschränkt sich nicht auf die eigene Person, sondern wird auf alle Konkurrenzgewinner & -verlierer:innen angewandt. Das Ergebnis ist der Selbsthass armer Menschen und die gleichzeitige Abwertung durch andere.
Den Menschen, die sich als Sozialarbeiter:innen, Pädagog:innen, oder Ärzt:innen mit den Armen dieser Gesellschaft befassen, fällt dann oft nichts anderes ein, als den “Verlierern” zu mehr Selbstwirksamkeit verhelfen zu wollen, weil an das Märchen geglaubt wird, dass die noch so viel erreichen können, wenn sie nur an sich glauben, oder weil die Armen, wenn sie schon keinen Erfolg haben werden, dann wenigstens die richtige Einstellung haben sollen.
So gibt es Programme zur Förderung der Selbstwirksamkeit bei Menschen, deren Lage sowieso alle als aussichtslos anerkannt haben.
Selbstwirksamkeit bedeutet dann in der Maßnahme vom Arbeitsamt zu erleben, dass man was leisten kann, oder im betreuten Wohnen Haushaltsdienste zu übernehmen. So gibt sich niemand auf, sondern findet einen Platz in dieser tollen Gesellschaft. Es hängt an dir! Mach was draus! Aber bloß nichts gegen die herrschenden Verhältnisse!
Fazit: Eigene Anstrengung ist zwar Bedingung, aber keine Garantie für den Erfolg. Denn in der Konkurrenz entscheiden ständig andere über den eigenen Erfolg. Einen Grund, sich „selbstwirksam“ zu fühlen, gibt es also nicht.